FAQ zum Thema Person

 

 

Mein Sportler ist der Kleinste in der Trainingsgruppe. Ist er ungeeignet für die Sportart?

Hintergrund

‚Albatros‘ Michael Groß, mehrfacher Olympiasieger und Weltmeister, erhielt seinen Spitznamen aufgrund seiner enormen Armspannweite. In vielen Sportarten zeichnen sich die Topathleten durch besondere körperbauliche Merkmale aus. Die Wissenschaft bestätigt in zahlreichen Untersuchungen, dass bestimmte anthropometrische Leistungsvoraussetzungen einen positiven Einfluss auf die sportliche Leistung haben. Eine Erfassung und Bewertung körperbaulicher Merkmale findet in der Praxis zum Teil statt. Hierbei beschränkt man sich häufig auf einfach zu messende Größen, wie die Körperhöhe oder das Körpergewicht. Insbesondere große Sportler werden dann beispielsweise für Rudern, Schwimmen, Volleyball oder Basketball ausgewählt. Doch hier ist Vorsicht geboten! Denn auch Michael Jordan wurde mit 15 Jahren aussortiert, weil er (noch) zu klein war. Und Britta Steffen belächelt rückblickend die Einschätzung der Trainer zu ihren körperlichen Leistungsvoraussetzungen im Kindesalter: „Zu klein, zu dünn, zu schmächtig…". Trotz alledem krönte sie ihre erfolgreiche Karriere mit zwei olympischen Goldmedaillen 2008.

Antwort

Die Anatomie des Menschen wird stark durch die genetischen Voraussetzungen geprägt. Problematisch ist jedoch die unterschiedliche biologische Entwicklung von Sportlern, die die Beurteilung anthropometrischer Merkmale im Nachwuchs erschwert. Es ist fraglich, wie stabil sich bestimmte Parameter entwickeln oder ob Körperlängenverhältnisse sogar über die Zeit stabil bleiben. Gehörte Michael Phelps mit 10 Jahren schon zu den Größten seiner Altersklasse (Entwicklungsstabilität) und hatte Michael Groß schon immer relativ lange Arme im Verhältnis zu seiner Körperhöhe (zeitliche Stabilität)?

Die Körperhöhe, die nicht nur bei Schwimmern von Bedeutung ist, wird in der Pubertät maßgeblich durch den biologischen Reifegrad und den damit verbundenen maximalen Wachstumsschub beeinflusst. Die Bewertung der Körperhöhe ist daher ganz besonders bei Mädchen im Alter von 10 bis 14 Jahren und bei Jungen von 11 bis 15 Jahren schwierig. Eine Bestimmung der finalen Körperhöhe ist jedoch ab 8 Jahren (weiblich) bzw. 9 Jahren (männlich) mittels der Mirwald-Methode praxistauglich möglich. Durch die Relativierung der Beinlänge und des Oberkörpers zur Körperhöhe kann man den biologischen Reifegrad bestimmen und eine Abschätzung der finalen Körperhöhe vornehmen.

In vielen Sportarten gibt es neben der Körperhöhe noch weitere Merkmale, die relevant und einfach zu erfassen sind und zudem eine höhere Entwicklungsstabilität aufweisen. Dabei zieht man nicht die absoluten Werte in die Bewertung ein, sondern setzt sie ins Verhältnis zur Körperhöhe oder anderen Parametern. So zeigten Kadersportler im Schwimmen in jüngeren Jahren nicht absolut gesehen größere Armspannweiten oder Fußlängen, jedoch relativ in Bezug zu ihrer Körperhöhe. Anstelle der absoluten Armlänge nutzt man z. B. den Affenindex, der das Verhältnis von Armspannweite und Körperhöhe widerspiegelt. Sportler, die bereits im Kindes- und Jugendalter Affenarme haben, verfügen auch im späteren Alter in mehr als 90 % der Fälle über eine größere Armspannweite als Körperhöhe. Ist das Verhältnis in jungen Jahren noch negativ, kann es sich jedoch im Laufe der Jahre in der Hälfte der Fälle noch umkehren. Nach der Pubertät ist eine Veränderung sehr unwahrscheinlich.

 

Affenindex = Verhältnis deiner Armspannweite zu deiner Körperhöhe
Affenindex = Verhältnis deiner Armspannweite zu deiner Körperhöhe

Handlungsempfehlungen
  • Die Körperhöhe ist nicht allein entscheidend - Wissenschaftliche Untersuchungen geben Aufschluss darüber, welche körperbaulichen Merkmale in deiner Sportart relevant sind
  • Nutze möglichst Parameter, die eine hohe Entwicklungsstabilität aufweisen.

Entwicklungsstabilität anthropometrischer Leistungsvoraussetzungen von der AK13 zur AK18
Entwicklungsstabilität anthropometrischer Leistungsvoraussetzungen von der AK13 zur AK18

  • Berechne die finale Körperhöhe mittels Mirwald-Methode.
  • Die Anthropometrie ist nur ein Teil des Talentpuzzles – betrachte es nicht isoliert.
  • Sollten Indexe relevant sein (z. B. langer Oberkörper, breite Schulter bei schmaler Hüfte, geringes Körpergewicht im Verhältnis zur Körperhöhe), berücksichtige bei den Normwerten, dass auch diese sich im Laufe der Zeit verändern können und zum Teil bei Jugendlichen anders als bei Erwachsenen sind.
  • Im Sinne der Testökonomie können im Rahmen eines Testprogramms häufig nicht alle relevanten körperbaulichen Merkmale erfasst werden. Notiere Auffälligkeiten bezüglich des Körperbaus und erhebe ggf. im Trainings- oder Lehrgangsbetrieb weitere Größen systematisch und regelmäßig.
Lesetipps

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  • Erfolgreicher Junior = Olympionik? Wie wichtig sind Wettkampferfolge im Jugend- und Juniorenalter?
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Weiterführende Literatur

  • Fröhner, G. & Wagner, K. (2011). Körperbau und Talent. Leistungssport, 41 (2), 30-37.
  • Mirwald, R. L., Baxter-Jones, A. D. G., Bailey, D. A. & Beunen, G. P. (2002). An assessment of maturity from anthropometric measurements. Medicine & Science in Sports & Exercise, 34 (4), 689-694.
  • Malina, R. M., Rogol, A. D., Cumming, S. P., Coelho e Silva, M. J. & Figueiredo, A. J. (2015). Biological maturation of youth athletes: assessment and implications. British Journal of Sports Medicine, 49 (13), 852-859.

 

 

Großer Aufwand, wenig Ertrag? Mit Trainings- und Leistungsdaten die Entwicklung dokumentieren?

Hintergrund

Training planen und durchführen, regelmäßige Leistungstests einbeziehen, Wettkämpfe betreuen, Eltern- und Athletengespräche führen… und dann noch Entwicklungen für jeden einzelnen Athleten dokumentieren? Eine systematische Entwicklungsdokumentation wird von vielen Trainern oft sehr skeptisch gesehen. Der zeitliche und organisatorische Aufwand ist besonders im Nachwuchsbereich aufgrund der Trainingsgruppenstärke immens und der erwartete Nutzen nicht unmittelbar sichtbar. So mancher Trainer verliert in der Masse an Trainings-, Leistungs- und Wettkampfdaten schnell den Überblick und versinkt in einem Meer an Daten. Da kommt schnell die Frage nach dem Warum auf.

Antwort

Sportler miteinander vergleichen sowie Stärken und Schwächen ableiten

Zwei Sportler lediglich auf der Basis der Wettkampfleistung zu vergleichen, führt schnell zu Fehlurteilen. Eine Entwicklungsdokumentation hilft, einzelne Athleten objektiv miteinander zu vergleichen und individuelle Stärken und Schwächen abzuleiten. Ein auf die Stärken und Schwächen zugeschnittenes Training ist somit möglich.

Trainingswirkungen abschätzen

Sollte neben den Leistungsdaten auch noch das Training dokumentiert werden, so kann die Trainingswirksamkeit betrachtet werden. Solche übergreifenden Analysen sind ohne eine einheitliche Dokumentation über mehrere Jahre hinweg nicht möglich. Für eine systematische Trainingssteuerung, im Sinne eines langfristigen Leistungsaufbaus, ist eine systematische Entwicklungsdokumentation unerlässlich.

Entwicklungen darstellen und transparente Talentauswahlentscheidungen treffen

Talentauswahlentscheidungen basieren oft nur auf Momentaufnahmen. Einmalige Talentsichtungen sind aufgrund vieler Einflussfaktoren (z. B. Trainingshistorie, biologischer Reifegrad, Umfeldfaktoren) jedoch nicht aussagekräftig. Es ist bekannt, dass vor allem auch die Entwicklungsraten von Athleten in den einzelnen Leistungsvoraussetzungen ein wesentliches Talentmerkmal sind. Eine Entwicklungsdokumentation erlaubt es dir also nicht nur den Leistungsstand des Sportlers schon früh in seiner Karriere objektiv und transparent zu beurteilen. Mit der Berücksichtigung der Entwicklung werden außerdem Einschätzungen über dessen Potenzial präziser. Neben dem Gewinn an Objektivität können Athlet und Eltern mit Hilfe einer Entwicklungsdokumentation genauere und transparentere Rückmeldungen erhalten. Auch die Kommunikation des Heimtrainers mit Landes- und evtl. Bundestrainer kann hiervon profitieren.

Talentauswahlkonzepte fundieren

Talentauswahlkonzepte zu haben, ist der eine Punkt. Zu wissen, dass diese auch die Richtigen auswählen, jedoch der viel Entscheidendere. Häufig fehlen wissenschaftliche Belege zur Vorhersagekraft der erfassten Talentmerkmale. Auf der Grundlage der Entwicklungsdokumentation erfolgreicher Sportler können Talentmerkmale rückwirkend evaluiert und das Auswahlkonzept fundiert werden. Ebenso ist es möglich, aus den Daten alters- und geschlechtsspezifische Orientierungswerte zu bilden und Anforderungsprofile für die einzelnen Etappen im langfristigen Leistungsaufbau zu definieren.

Handlungsempfehlungen
  • Die Entwicklungsdokumentation kostet zwar Zeit, beschleunigt und effektiviert aber die Talententwicklung.
  • Binde die Sportler in die Entwicklungsdokumentation mit ein - das spart Zeit und macht das Training und die Leistungsentwicklung für die Athleten verständlicher.
  • Gibt es solch eine Dokumentation bereits bei Euch im Verband? Wenn nicht, sprich ihn an und zeige die Vorteile auf!
  • Kontaktiere uns, wenn Du aufgrund der vielen Daten nicht mehr weiterweißt. Wir unterstützen Dich!
Lesetipps

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  • „Technisch eine Augenweide!" Wie kann ich die Technik objektiv und systematisch beurteilen?

Weiterführende Literatur

  • Hoffmann, A., Kaminsky, T., Neumann, T. & Adermann, C. (2016). Individuelle Entwicklungsdokumentation. Praktischer Nutzen und Einsatzmöglichkeiten. Leistungssport, 46 (6), 29-32.
  • Bahr, R. (2014). Demise of the fittest: are we destroying our biggest talents? British Journal of Sports Medicine, 48 (17), 1265-1267.
  • Till, K., Cobley, S., O’Hara, J., Chapman, C. & Cooke, C. (2013). An individualized longitudinal approach to monitoring the dynamics of growth and fitness development in adolescent athletes. Journal of Strength and Conditioning Research, 27 (5), 1313-1321.

 

 

Wie kann ich die Infektanfälligkeit meiner Athleten reduzieren?

Hintergrund

Gerade in den Wintermonaten schnieft und hustet es an jeder Ecke. Die Nase läuft, der Hals kratzt und der Kopf schmerzt. Von Infektionen der oberen Atemwege bleiben auch Sportler nicht verschont - Trainingsausfälle sind meist die Folge. Allerdings sind nicht immer Krankheitserreger die Ursache für die Erkrankung: Das Immunsystem ist nicht nur bei der Infektabwehr, sondern auch bei akuter körperlicher Belastung aktiv. So kann hohe Belastung zu einer immunologischen Stressreaktion führen, die beim Leistungssportler meist mit einer erhöhten Infektanfälligkeit einhergeht. Daher ist es aus gesundheitsrelevanter sowie leistungsoptimierender Sicht notwendig, mithilfe subjektiver und objektiver Anzeichen eine infektinduzierte von einer belastungsinduzierten immunologischen Stressreaktion zu unterscheiden, um die Trainingssteuerung zu optimieren.

Antwort

Unser Immunsystem reagiert nicht nur bei Infekten, sondern auch bei akuter körperlicher Belastung mit hoher Intensität (z. B. beim Kraft- oder Ausdauertraining). Diese durch Training und Sport ausgelöste Reaktion ist sowohl bei Gesunden als auch bei Kranken eine wesentliche und normale Funktion des Immunsystems. In Phasen erhöhter Trainingsbelastung sind gesunde (Nachwuchs-)Leistungssportler nachweisbar anfälliger für Infekte.

Verglichen mit moderatem Training führt sowohl zu hohe körperliche Aktivität als auch Inaktivität zu einem erhöhten Risiko, einen Infekt der oberen Atemwege zu bekommen. Da der Organismus der Nachwuchsathleten es gewohnt ist, mit immunologischen Stressreaktion fertig zu werden, reagiert das Immunsystem effizienter und der Sportler erholt sich vergleichsweise schneller von Infekten.

Egal ob eine Reaktion unseres Immunsystems durch körperliche Belastung oder einen Infekt ausgelöst wird, am wichtigsten ist es, die subjektiven Symptome zu erkennen und richtig einzuordnen. Dafür wurde im Rahmen der KINGS-Studie der sogenannte Immunscore entwickelt. Nachwuchsathleten schätzen zu ausgewählten relevanten Zeitpunkten täglich per App ihr aktuelles Befinden ein und erhalten eine Übersicht zum Verlauf der subjektiven Zeichen immunologischer Stressreaktionen. Dazu zählen u. a. Symptome der oberen und unteren Atemwege, Schlafparameter, „Muskelkater" sowie das Akutmaß für Erholung und Beanspruchung (AEB in Kooperation mit dem REGman-Projekt). Auf der Grundlage der automatisch erstellten Profile ist es dann möglich, zu erkennen, ob die Reaktion des Immunssystems, die Antwort auf die körperliche Belastung ist oder ein Infekt dahinter steckt.

Existieren Symptome der oberen Atemwege bei nicht-vorhandenen Zeichen von „Beanspruchung" sowie Anzeichen geringer Erholung, ist von einer infektbasierten Reaktion des Immunsystems auszugehen. Existieren dagegen keine subjektiven Zeichen der oberen Atemwege bei gleichzeitig erhöhtem Beanspruchungsempfinden und die Erholungsparameter normalisieren sich schnell (z. B. über Nacht bei gutem Schlaf) liegt eine belastungsinduzierte Stressreaktion des Immunsystems vor.

Setzt der Athlet die App regelmäßig ein, wird er selbst erkennen, mit welchen Symptomen sein Körper auf intensives Training reagiert. Sollte er sich doch einmal einen Infekt einfangen und ihn rechtzeitig erkennen, kann eine aduäquate Behandlung und Trainingspause beginnen.

Handlungsempfehlungen
  • Nutzt den Immunscore, um individuelle Warnzeichen und Symptome sowie deren Verlauf richtig einordnen zu können.
  • Sensibilisiere Deine Athleten dafür, dass gerade in Phasen hoher Trainingsbelastung ein ausreichender, qualitativ hochwertiger Schlaf (7-9 Stunden) und Hygiene wichtig für eine erfolgreiche Infektabwehr sind.
  • Beachtet auch andere Einflussfaktoren auf das Stresslevel, z.B. Dehydration, Hitze, Kälte, Höhe, psychischer Stress, Kontakt mit kranken Personen oder schneller Gewichtsverlust.
  • Eine durchgängige schnell verfügbare Versorgung mit Kohlenhydraten vor, während und nach hohen Belastungen vermindert die immunologische Stressreaktion bei Belastungen.
  • Nutze angeleitete Entspannungstechniken nach dem Training, um das immunologische Stresslevel deiner Athleten zu reduzieren. Hier findest Du Entspannungsinstruktionen: https://drive.google.com/open?id=0B7iXsvE94bLaY0NpMUNSYllNSzA
  • Führe Dir den Zusammenhang zwischen Belastungsintensität, -umfang und der Tätigkeit des Immunsystems vor Augen und mache Dir bewusst, was Du zur Gesundheit Deiner Athleten beitragen kannst.

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Weiterführende Literatur

  • Puta C., Weber S., May R., Steidten T., Hildebrandt P., Gabriel B., Herbsleb M., Lesinski M., Kellmann M., Granacher U. & Gabriel H. (2016). Immun-Score: Entwicklung eines benutzerfreundlichen Instruments zur standardisierten Erfassung von Symptomen für die Differenzierung von belastungsinduzierter und infektbasierter Stressreaktion im Nachwuchsleistungssport. Leistungssport, 46(6): 15–18.
  • Puta C., Gabriel B. & Gabriel H. (2016) Sport und Immunsystem. In: M. Wonisch, P. Hofmann, H.; Förster, H. Hörtnagl, E. Ledl-Kurkowski, R. Pokan (Hrsg.). Kompendium der Sportmedizin: Physiologie, Innere Medizin und Pädiatrie. Springer, Austria, 2. Auflage. S. 389–414.
  • Kellmann, M., Kölling, S. & Hitzschke, B. (2016). Das Akutmaß und die Kurzskala zur Erfassung von Erholung und Beanspruchung im Sport - Manual. Hellenthal: Sportverlag Strauß.